
Perspektive Berufsabschluss Waldeck-Frankenberg – Abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung für Jugendliche und junge Erwachsene ohne Berufsabschluss. Modellhafter Auf- und Ausbau auf Dauer ausgerichteter Kooperations-, Unterstützungs- und Beratungsstrukturen in der Region Waldeck-Frankenberg unter Einbeziehung der regionalen Arbeitsmarktakteure
Übersicht
Julia Oberlies
Kreishandwerkerschaft Waldeck-Frankenberg
Christian-Paul-Str. 5
34497 Korbach
Tel.: 05631-9535 183
Fax: 05631-9535 7183
E-Mail: oberlies@khkb.de
www.nachqualifizierung-wa-fkb.de
Der Landkreis Waldeck-Frankenberg ist mit ca. 170.000 Einwohnern der größte Landkreis Hessens. Ein landschaftlich reizvoller Sozialraum, gelegen um vier Kleinstädte und ausgestattet mit einem Nationalpark. Fachkräftemangel, Bevölkerungsrückgang bei einer in den vergangenen Jahren vergleichsweise starken Zuwanderung von Mitbürgern und Mitbürgerinnen aus der russischen Föderation, ein im nationalen Vergleich niedriges Pro-Kopf-Einkommen, der im bundesweiten Vergleich niedrige Qualifikationsgrad der Bevölkerung und der Rückbau des öffentlichen Personennahverkehrs markieren hier die Ausgangslage für regionale Strukturentwicklung in den kommenden Jahren.
Bei den im Landkreis stark vertretenen kleinen sowie mittelständischen Betrieben im gewerblich-technischen Bereich besteht ebenso wie im Hotel- und Gaststättengewerbe ein hoher Bedarf an gut qualifizierten und spezialisierten Fachkräften. Technische Innovationen für handwerkliche Fertigung, die spartenübergreifende Unternehmensnachfrage in Ausbildungsberufen wie etwa dem Maschinen- und Anlagenführer und neue Qualifizierungsbedarfe, die sich entweder aus steigenden Ansprüchen an einfache Arbeiten ergeben, oder der langfristigen Sicherung einer veränderten Nachfrage nach Fachkräften wie etwa im Erzieher-/Erzieherinnenberuf ergeben, rücken die brachliegenden Ressourcen der an- und ungelernten Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in den Fokus.
Zielsetzung des Projekts ist die berufliche Integration von jährlich 50 an- und ungelernten jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund durch abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung. Damit einher geht der Aufbau eines Beratungsangebots für An- und Ungelernte sowie für die große Zahl von Unternehmen mit 10 bis maximal 250 Mitarbeitenden im Landkreis. Die dauerhafte Etablierung der Bildungs- und Beratungsangebote wird durch eine umfängliche Netzwerkarbeit vorbereitet, begleitet und vorangetrieben.
Der Aufbau von Strukturen zur Etablierung modularisierter abschlussbezogener Nachqualifizierung als Regelangebot wird in Waldeck-Frankenberg als einer strukturschwachen, ländlichen und flächenmäßig großen Region an einen Begriff regionaler Strukturentwicklung gebunden.
In den besonderen regionalen Verhältnissen geborgene Entwicklungspotenziale lassen sich exemplarisch für zwei Sektoren benennen: innovative Technologien für die gewerblich-technischen Berufe und ein die Alleinstellungsmerkmale des Naturraums nutzender nachhaltiger Tourismus.
Ein dritter Sektor muss - an die spezifischen regionalen Voraussetzungen anschließend - einem globalen Erfordernis Rechnung tragen: der Mehrung, Ausdifferenzierung und Verstetigung einer Aneignung von „Bildungsgegenständen“. Dazu gehören dann auch Nachqualifizierungen in erziehenden/bildenden Berufen.
Viertens und nicht zuletzt: Strukturentwicklung für ein Regelangebot muss den Fachkräftebedarf in der Region produzierender Industriebetriebe kennen, berücksichtigen und ihm entgegenkommen.
Seit August 2010 setzt das evangelische Fröbelseminar auf Initiative und in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe Perspektive Berufsabschluss Waldeck-Frankenberg die landesweit erste modulare Nachqualifizierung im Erzieher-/Erzieherinnenberuf in Teilzeit um. 2012 startet bereits die „dritte Runde“ in Korbach.
Im Sommer 2011 wurde dieses Nachqualifizierungsangebot auch auf den Standort Kassel ausgeweitet.
In Zusammenarbeit mit einem in der Region produzierenden Industriebetrieb und dem Berufsförderungswerk des Handwerks in Korbach werden derzeit neun Mitarbeitende zu Industrie- bzw. Verfahrensmechanikern/-mechanikerinnen nachqualifiziert. Im Frühjahr 2012 schließen die Teilnehmenden ihre Nachqualifizierung durch Ablegen der Externenprüfung ab. Aufbauend auf den Erfahrungen der betrieblichen Nachqualifizierung wurde gemeinsam mit dem Unternehmen im Rahmen eines Feedback-Workshops ein verändertes Durchführungskonzept erstellt. Dieses wird derzeit bei Unternehmen sowie An- und Ungelernten der Region beworben.
Nachqualifizierungsbedarfe zeichnen sich in der Region vermehrt für den Bereich Lager und Logistik ab. Das entwickelte Konzept sieht zunächst eine Nachqualifizierung zur Fachlageristin bzw. zum Fachlageristen vor. Die Nachqualifizierung kann zur Fachkraft Lagerlogistik fortgeführt werden.
Im Hotel- und Gaststättensektor werden derzeit in Zusammenarbeit mit Betrieben sowie der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter Nachqualifizierungen in den Berufsbildern Koch/Köchin und Hauswirtschafter/ Hauswirtschafterin auf den Weg gebracht. Die Nachqualifizierung soll in Abstimmung mit den genannten Netzwerkpartnern den Anforderungen der Betriebe (beispielsweise Blockunterricht in saisonschwachen Zeiten) entsprechen und nach gemeinsam verabredeten Qualitätsstandards Umsetzung finden.
Zusammengefasst liegen Nachqualifizierungsangebote in den folgenden Berufen vor:
2011 konnte zudem einzelnen An- und Ungelernten in den folgenden Berufen der nachträgliche Erwerb des Berufsabschlusses ermöglicht werden:
Der Frauenkompass „Gewusst wo!“ wurde als eine Handreichung für an Nachqualifizierung interessierte Frauen erstellt. Er stellt nützliche Adressen beispielsweise für Kinderbetreuung bereit und führt somit zu einer Erleichterung für das Gelingen von Nachqualifizierungen.
Für die Bewerbung von Nachqualifizierung wurden vermehrt Netzwerkpartner eingebunden. Als Multiplikatoren/Multiplikatorinnen informieren und beraten Vertreter/Vertreterinnen von IHK, Agentur für Arbeit, Jobcenter, Unternehmensverbänden, Wirtschaftsförderung sowie der Gewerkschaft oder des Regionalmanagements Unternehmen und An- und Ungelernte zum Thema.
In enger Abstimmung mit den Jobcentern des Landkreises werden insbesondere an- und ungelernte erwerbssuchende Frauen bei einer von der Projektgruppe eingerichteten Beratungsstelle in ihrer Bildungszielplanung mit Blick auf eine gelingende Erwerbsbiografie unterstützt.
Für Migrantinnen und Migranten bietet das Projektteam die Beratung zur Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen an. Ratsuchende werden über die Notwendigkeit eines Anerkennungsverfahrens informiert und erhalten Unterstützung bei der Antragstellung. Bei Bedarf wird zudem nach passgenauen, individuellen Weiterbildungsangeboten recherchiert, durch die sich die Chancen der Beratenen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.
Der Fokus der Projektarbeit lag 2011 und liegt in der verbleibenden Projektlaufzeit insbesondere auf der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien.