
Regionales Übergangsmanagement in der Stadt Oberhausen. Modellhafte Umsetzung eines strategischen Konzeptes zur strukturellen Verbesserung der Kooperation der regionalen Akteure im Bereich Übergang Schule-Beruf
Übersicht
Thomas Notthoff
Stadt Oberhausen, Jugendamt und soziale Angelegenheiten
Concordiastr. 30
46042 Oberhausen
Tel.: 0208 - 825-9445
E-Mail: thomas.notthoff@oberhausen.de
Die kreisfreie Stadt Oberhausen hatte im Dezember 2007 offiziell 216.910 Einwohner. Der Anteil der „Passausländer“ lag bei 11,5 Prozent. Die Bevölkerungsentwicklung ist seit Mitte der 90-er Jahre negativ verlaufen. Im Zeitraum von 1995 bis 2003 lag der Wert bei -2,5 Prozent. Zum Vergleich: Landesdurchschnitt Nordrhein-Westfalen 0,9 Prozent, Bundesmittel 0,8 Prozent. Im Mai 2008 waren in Oberhausen 13.526 Personen offiziell arbeitslos gemeldet. Davon wurden 2.139 Personen (16 Prozent) von der Agentur für Arbeit Oberhausen und 11.387 (84 Prozent) von der Arbeitsgemeinschaft SODA nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) betreut. Der Anteil der SGB II-Arbeitslosen lag damit deutlich über dem Durchschnitt der alten Bundesländer (70 Prozent). Die Arbeitslosenquote lag, bezogen auf alle abhängigen zivilen Erwerbspersonen, bei 14 Prozent und damit ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt der alten Bundesländer von 7,2 Prozent. Von den nichtdeutschen abhängigen zivilen Erwerbspersonen war fast jede dritte (31,5 Prozent) arbeitslos gemeldet.
Es wird eine fest institutionalisierte Fachstelle beziehungsweise Koordinierungsstelle angestrebt, die über Initiativen der einzelnen Akteure vor Ort fortwährend informiert ist, bei Bedarf fachlich berät, Erfahrungen der einzelnen Akteure bündelt, Austausch organisiert und die fachliche Weiterentwicklung des Übergangssystems vorantreibt. Diese Initiative dient dem Ziel, kommunale und regionale Förderstrukturen bestmöglich aufeinander abzustimmen, um eine bedarfsangemessene Qualifizierung von Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf im Übergang von der Schule in Ausbildung und Arbeit zu erreichen. Durch eine frühzeitige individuelle Förderung sollen Schulkarrieren ohne Abschluss und ohne passenden Übergang vermieden werden. Somit soll langfristig das Ziel erreicht werden, den Anteil Jugendlicher ohne Schulabschluss und Berufsperspektive nachhaltig zu senken. Die Arbeit dieser Koordinierungsstelle baut auf langjährig bestehende Netzwerkstrukturen im Übergangssystem „Schule-Beruf“ in Oberhausen auf.
Neben einer professionellen Unterstützung und Moderation der Arbeit der regionalen Steuerungsgruppe „Berufliche Ersteingliederung“ soll eine bestmögliche Koordinierung der Einzelinitiativen und Einzelprojekte im Bereich des Regionalen Übergangsmanagements erfolgen. Gleichzeitig ist eine frühzeitige Akquise von Fördermitteln für die Verstetigung bewährter Initiativen im Regionalen Übergangsmanagement zu realisieren. Die Arbeit der Steuerungsgruppe dient zum einen der fachlichen Weiterentwicklung der beteiligten Institutionen sowie der regionalen Netzwerkarbeit, zum anderen der Beratung der Kommunalpolitik durch die Erstellung von Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Übergangssystems. Es ist beabsichtigt, Fachberatung bei der Planung und Durchführung von Berufsvorbereitungsangeboten in Schulen ab Klasse 6 insbesondere für die Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund einzurichten. Zur fachlichen Weiterentwicklung des Übergangssystems „Schule-Beruf“ werden bedarfsangemessene Angebote für rechtskreisübergreifende Weiterbildungen der Fachkräfte in den entsprechenden Handlungsfeldern entwickelt. Die fachliche Qualifizierung der Akteure der einzelnen Rechtskreise gewährleistet zudem die Verbesserung der Kooperationsstrukturen. Um unversorgte Jugendliche und ihren Förderbedarf frühzeitig ermitteln zu können, wird der Aufbau einer kommunalen Datenbank geprüft.
Auch im dritten Jahr der Fachstelle „Regionalstelle Übergangsmanagement Oberhausen“ kann von einer Entspannung auf dem Oberhausener Ausbildungsmarkt nicht die Rede sein. Ende Juni 2011 waren laut Ausbildungsmarktbericht der Agentur für Arbeit 1298 unversorgte Bewerber und Bewerbernnen zu zählen, lediglich 21 weniger als im Vorjahr. Es "... besteht ein Missverhältnis, denn auf knapp 890 Bewerber/innen kommen gerade einmal 350 freie Ausbildungsstellen", so die offizielle Beschreibung der Agentur für Arbeit im Juni 2011. Nimmt man die Schülerinnen und Schüler hinzu, die jährlich ins Übergangssystem der Berufskollegs wechseln - 2009/2010 waren es 1070 Schüler und Schülerinnen - so sind die Rahmenbedingungen grob skizziert, in denen das RÜM in Oberhausen tätig ist.
Dennoch führten die Aktivitäten des RÜM zu einem weiteren Ausbau der kooperativen Zusammenarbeit mit den Akteuren vor Ort. Die Ziele - die kommunalen Förderstrukturen passgenauer aufeinander abzustimmen, durch frühzeitige Förderung Schulkarrieren ohne Abschluss und ohne anschlussorientierten Übergang zu vermeiden - konnten durch die mit einer pädagogischen Fachkraft besetzten Stelle vorangetrieben werden.
In Zusammenarbeit mit den relevanten Instanzen vor Ort wurden folgende Schwerpunkte gesetzt:
Eine tragende Säule für Koordinations- und Kommunikationsarbeit im Übergang Schule-Beruf ist die weiter entwickelte Steuerungsgruppe "Perspektive Berufsabschluss". Schon 2009 zeichnete sich in der ursprünglich als Arbeitsgremium der Jugendhilfe und freien Bildungsträger gegründeten Arbeitsgruppe die Erweiterung mit führenden Vertretern im Übergang Schule-Beruf ab. Hierzu sind u.a. zu erwähnen: Die Leitung Jobcenter Jugendliche, die Bundesagentur für Arbeit (Leitung Berufsberatung), RAA, Wirtschaftsförderung Oberhausen, Fachberater Schule-Beruf Oberhausen, Leitungen der Berufskollegs.
Kennzeichnend für die Arbeitsgruppe sind ein engagierter Meinungsaustausch zu aktuellen Entwicklungen im Oberhausener Übergang, die auf bewährter Zusammenarbeit fußenden Kooperationsabsprachen zu Projekten und deren Bewertungen. Das immer wieder auszutarierende Verhältnis der Akteure mit ihren jeweils eigenen Interessen - dies primär auf konsensorientierter Basis - ist mit der Vor- und Nachbereitung der Treffen ein Schwerpunkt der Arbeit von RÜM.
Die Rolle von RÜM ist in der Steuerungsgruppe "Perspektive Berufsabschluss" koordinierend, bei den aus dieser Tätigkeit entstandenen Projekten gestaltend und anregend.
Unter dem Fokus der Systematisierung von Förder- und Unterstützungsangeboten für benachteiligte Jugendliche sowie im Hinblick auf eine zukünftige Jugendberufshilfeplanung erfolgte die Aktualisierung und Fortschreibung des "Maßnahmenkatalog Oberhausen". Der Katalog richtet sich von seiner Konzeption her an Fachleute und Lehrerinnen / Lehrer, er stellt den derzeitigen Überblick für Oberhausen (Stand Dezember 2010) dar. Die aufgeführten Maßnahmen beziehen sich auf die berufliche Ersteingliederung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Primär sind Maßnahmenangebote für benachteiligte Jugendliche aufgelistet. Der Katalog wird jährlich aktualisiert.
Positives Echo erhielt der Katalog sowohl aus dem Jugendhilfeausschuss als auch vom Amt für Wahlen und Statistik im Hinblick auf die Grundlagen eines geplanten Bildungsmonitorings in Oberhausen.
RÜM kooperiert mit dem unter der Dezernatsleitung (Jugend/Schule/Soziales) eingerichteten Bildungsbüro der Stadt Oberhausen, die Zusammenarbeit hat sich 2010/2011 intensiviert. Aus dem Schulbereich, dem Bildungsbüro, von RÜM wurde ein Bedürfnis nach schneller aktueller Information für den Übergang formuliert. Federführend wurde von RÜM in Zusammenarbeit mit dem Bildungsbüro ein „Jour fixe“ eingerichtet. An ihm nehmen teil: der Fachberater Schule-Beruf, Regionalagentur MEO, Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter Team Jugendliche, BFO (Berufsförderung Oberhausen), RÜM und Bildungsbüro. In den kurzen Treffen werden der Projektstatus/Infostand miteinander abgeglichen, Arbeitsinhalte und nächste Schritte geplant, Termine abgesprochen. Nach einer Probephase 2010, in der geprüft wurde, ob sich die intendierten Vorstellungen erfüllen, wurde die Weiterführung des Vorhabens im Januar 2011 einstimmig beschlossen
Ende August 2010 fand ein Auftaktgespräch zur Organisationsberatung für den Übergang Schule-Beruf unter der Leitung des Ersten Beigeordneten für Familie, Bildung, Soziales des Übergangssystems statt. Es ging um eine partielle Neustrukturierung im Übergang Schule-Beruf, einer Initiative vom Lenkungskreis des Bildungsbüros zur Effektivierung des Gremiensystems. Gemeinsam mit dem Bildungsbüro organisierte RÜM drei Workshops mit einem externen Organisationsberater.
Bisherige Arbeitsergebnisse sind: Der Beirat Schule-Beruf soll als Kommunikationszentrum und Lenkungsinstanz federführend in der Oberhausener Gremienlandschaft tätig werden, der Austausch an den Schnittstellen des Übergangs soll effizienter werden, eine Vereinbarung zur Bildungsdokumentation soll entwickelt werden.
Als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren nahmen an den Workshops teil: Leitung Berufsberatung Oberhausen, Leitung Jobcenter Jugendliche, stellvertretender Schulaufsichtbeamter Oberhausen/Mülheim, Leitung des Verbundes der Bildungsträger, delegierte Leitung der Berufskollegs, Fachberater Schule-Beruf Oberhausen, Leitung RAA, RÜM und Bildungsbüro.
Die Implementierung der Arbeitsergebnisse ist eine Aufgabe von RÜM und Bildungsbüro 2011.
Aus dem Steuerungskreis "Perspektive Berufsabschluss" hat sich 2009 ein Unterarbeitskreis Unversorgte/Schülerverbleibsdaten gebildet. In ihm sind vertreten: Fachberatung Schule-Beruf, Projektleitung Perspektive Berufsabschluss, Bildungsträger, Vertreter der Berufskollegs (Schulleitungen/ Fachlehrer für Berufsorientierung), Bundesagentur für Arbeit, fakultativ Fachleute anderer Disziplinen (Amt für Wahlen und Statistik).
In der Arbeitsgruppe wurden 2010/2011 in mehreren Sitzungen folgende Themen bearbeitet und erörtert:
Identifizierung von verschiedenen unversorgten Zielgruppen an den Berufskollegs
Verbleibsdaten von Schülern und Schülerinnen nach Abgang aus den Berufskollegs
Ziel ist es, ein Datenerhebungssystem zu etablieren, um differenzierte und aufschlussreiche Informationen zu den Übergangsbiographien der Schulabgänger und Schulabgängerinnen nachzuzeichnen, Potenziale im Übergangssystem sollen dadurch besser genutzt und ausgebaut, Defizite und Hindernisse erkannt und abgebaut werden
In Zusammenarbeit mit dem Amt für Wahlen und Statistik konnte auf die vorhandenen Daten im IT.NRW (z.B. Übergangssystem des Berufsbildungssystems) zurückgegriffen werden, auf eigene Erhebungen im Amt für Statistik (z.B. Schüler/Schülerinnen ohne Ausbildungsvertrag an den Berufskollegs) und auf eigene Lehrerbefragungen von Sek. I nach dem nächsten Bildungsziel der entlassenen Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus konnte die Einbindung der Arbeitsagentur in die Arbeitsgruppe für 2011 in die Wege geleitet werden.
Der Arbeitskreis Unversorgte/Schülerverbleibsdaten hat weiterhin in seinen Treffen einen Anteil an absolut unversorgten Schülern und Schülerinnen an 2 Berufskollegs der Stadt Oberhausen (45) identifiziert. Hierbei handelt es sich um Jugendliche, die nach Anmeldung im Berufskolleg entweder nur einmal oder gar nicht zum Unterricht in einer KSOB-Klasse (Klassen für SchülerInnen ohne Berufsausbildungsverhältnis) erschienen sind. Es zu befürchten, dass diese Schülerinnen und Schüler sich aus dem Übergangssystem entfernen.
Das Jugendamt hat gemäß §13 SGB VIII die Aufgabe, in der Jugendsozialarbeit benachteiligten jungen Menschen sozialpädagogische Hilfestellung im Rahmen der schulischen Ausbildung, der beruflichen Ausbildung sowie zur sozialen Integration zu leisten. Durch Koordinationstätigkeit konnte die Berufsförderung Oberhausen (BFO) dafür gewonnen werden, diesen Schülern und Schülerinnen ein nachgehendes sozialpädagogisches Angebot zu machen.
Unter der Prämisse der Nachhaltigkeit wurde 2009 durch RÜM an einer Hauptschule modellhaft das Projekt "Perspektive Ausbildung und Arbeit" installiert. Die pädagogische Intention ist die Förderung der individuellen Ausbildungsreife von insbesondere benachteiligten Schülerinnen und Schülern. Das Konzept gliedert sich in drei Säulen: dem Sozialtraining, der Wegbegleitung und der Ermittlung des individuellen Förderbedarfs.
In Zusammenarbeit mit den Netzwerkpartnern Bundesagentur für Arbeit (Vertiefte Berufsorientierung §33i.V.m. §421q) und Bildungsträger wurde auf Initiative von RÜM die administrative und operative Koordination des Projektes auch 2010/2011 umgesetzt. Besonders erwähnenswert ist hierbei die Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit. Durch die vertragliche Einbindung des Netzwerkpartners konnten die Kosten des als pflichtig im Sinne des SGB VIII §13 angesehenen Projektes für die Stadt Oberhausen nahezu halbiert werden. Die Ausweitung auf eine weitere Hauptschule ist 2011 geplant.