Jahrestagung "Perspektive Berufsabschluss"
Vom 27.-28. Mai 2009 lud das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zur ersten Jahrestagung des Programms „Perspektive Berufsabschluss“ ins Berliner Estrel Hotel ein. Vor etwa 300 Teilnehmenden wurde eine erste Standortbestimmung vorgenommen und im Kontext der aktuellen bildungspolitischen Entwicklungen diskutiert.

„Nur wer jetzt ausbildet, wird morgen über den dringend benötigten Fachkräftenachwuchs verfügen.“

Welche regionalen Basisdaten benötigt man zur Steuerung des Übergangs von der Schule in eine Berufsausbildung? Wie kann man regionale Vernetzungen besser vorantreiben, um nachhaltige Strukturen in der beruflichen Nachqualifizierung zu entwickeln? Diesen und vielen anderen Fragen zum regionalen Übergangsmanagement und zur abschlussorientierten modularen Nachqualifizierung wurde zwei Tage lang nachgegangen. Hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Bildungsforschung gaben Impulse, diskutierten auf dem Podium und in Expertenrunden und gaben Einblicke in die Praxis. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die wissenschaftlichen Programmbegleitungen stellten erste Ergebnisse vor. Wie schon auf der Auftaktveranstaltung von „Perspektive Berufsabschluss“ in der Berliner Kalkscheune am 30. Mai 2008 führte auch dieses Mal Judith Schulte-Loh vom Westdeutschen Rundfunk an beiden Tagen durch das Programm.

Kornelia Haugg, Leiterin der Abteilung „Berufliche Bildung; Lebenslanges Lernen“ im BMBF, stellte in ihrem einleitenden Vortrag die wichtige Bedeutung der Benachteiligtenförderung als eigenständige bildungspolitische Aufgabe innerhalb des Berufsbildungssystems heraus. Im Hinblick auf die gegenwärtige wirtschaftliche Lage, deren genaue Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt noch nicht einzuschätzen seien, stünde der Ausbildungsmarkt 2009 vor großen Herausforderungen, damit sich aus der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht auch noch eine Ausbildungsplatzkrise entwickle. So appellierte Kornelia Haugg auch an Wirtschaft und Betriebe: Wer von den neu aufgelegten, von den Steuereinnahmen und somit unmittelbar von den Bürgerinnen und Bürgern finanzierten Konjunkturprogrammen direkt oder indirekt profitiere, der müsse gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und auch in ökonomisch angespannten Zeiten vorausschauend handeln und in Ausbildung und Qualifizierung investieren. „Nur wer jetzt ausbildet, wird morgen über den dringend benötigten Fachkräftenachwuchs verfügen“, betonte Haugg. Dabei müssten auch Jugendliche mit schlechteren Startchancen Ausbildungsmöglichkeiten bekommen.

Kornelia HauggKornelia Haugg: "Die Vorhaben von 'Perspektive Berufsabschluss' im Sinne einer Koordinierung von Bildungsarbeit vor Ort werden zunehmend geschätzt und als Serviceleistung angenommen."

Doch nicht nur Wirtschaft und Betriebe stünden hier in der Verantwortung. Ein Problem in der aktuellen Benachteiligtenförderung am Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf sei nicht der Mangel an Mitteln und Maßnahmen, sondern der Mangel an Koordination beim Einsatz des vorhandenen Potentials, und das sowohl in finanzieller Hinsicht als auch im Blick auf die Bildungsarbeit der Akteure vor Ort. Dazu bedürfe es funktionierender Netzwerke mit möglichst allen Beteiligten in der Region. Dies nachhaltig zu sichern, bliebe eine schwierige Aufgabe für die Vorhaben des Programms „Perspektive Berufsabschluss“, dennoch habe sie den Eindruck gewonnen, dass die Arbeiten in den 49 Förderregionen gut angelaufen seien: Die Vorhaben im Sinne einer Koordinierung von Bildungsarbeit vor Ort würden zunehmend geschätzt und als Serviceleistung angenommen. Prof. Dr. Rudolf Tippelt von der Ludwig-Maximilian Universität München griff den Aspekt der Netzwerkbildung in seinem Vortrag „Bildung fördern – regionale Entwicklung zukunftsorientiert gestalten“ auf und verwies auf die Ergebnisse einer quantitativen Befragung von Netzwerkmanagern aus den regionalen Bildungsnetzwerken des BMBF-Programms „Lernende Regionen“: „Schulen sind meist in die Netzwerkarbeit einbezogen. Sie gelten dort selten als Netzwerkknoten. Trotz der manchmal als langwierig kritisierten Entscheidungsprozesse in Schulen wird eine stärkere Einbeziehung relativ oft gewünscht.

Prof. Dr. Rudolf TippeltProf. Dr. Rudolf Tippelt: "Eine stärkere Einbeziehung von Betrieben in die Netzwerkarbeit ist besonders wünschenswert"

Die Kooperation mit Betrieben hat sich erkennbar verbessert, aber ein zu geringes Interesse regional ansässiger Betriebe gilt oft als Hindernis für deren Beteiligung im Netzwerk. Eine stärkere Einbeziehung von Betrieben in die Netzwerkarbeit wird besonders häufig gewünscht.“ Die Potenziale aller regionalen Akteure, Institutionen und Beteiligten müssten aktiviert und genutzt werden, um ein tragfähiges und langfristig funktionsfähiges Netzwerk aufzubauen. Tippelt nannte dafür abschließend sieben Erfolgsbausteine: Gemeinsame Ziele, sich auf etwas Neues einzulassen, gegenseitiges Vertrauen, es dürfe nur Gewinner geben, gemeinsame Kommunikation, die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel und regelmäßige Kontaktpflege. Dr. Birgit Reißig vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) und Dr. Eckart Severing vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) sprachen über die Themen „Perspektiven schaffen – regionales Übergangsmanagement als berufsbildungspolitischer Gestaltungsauftrag“ und „Potenziale nutzen – abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung als Regelangebot der beruflichen Bildung“. Auch beide wissenschaftlichen Begleitungen betonten die Notwendigkeit von Netzwerken in den Förderregionen für ihre jeweiligen Förderinitiativen. Beim regionalen Übergangsmanagement stünde die Verknüpfung der regionalen Vorhaben mit den jeweiligen lokalpolitischen Bildungsstrategien im Vordergrund, „das Gelingen des Übergangs Schule–Arbeitswelt für benachteiligte Jugendliche wird deshalb innerhalb von bildungspolitischen Gesamtkonzepten als zentral erachtet“, so Reißig.

Dr. Birgit Reißig: „In bildungspolitischen Gesamtkonzepten wird das Gelingen des Übergangs Schule–Arbeitswelt für benachteiligte Jugendliche als zentral erachtet.“

Bei der abschlussorientierten modularen Nachqualifizierung sei es die enge Kooperation zwischen den regionalen Bildungsdienstleistern und den Betrieben vor Ort. „Umsetzen können Unternehmen eine langfristig angelegte berufsbezogene Qualifizierung angelernter Beschäftigter aber nur, wenn in enger Zusammenarbeit mit den relevanten Arbeitsmarktakteuren ein auf den regionalen Bedarf abgestimmtes Nachqualifizierungsangebot bereitgestellt wird und regionale Beratungs- und Unterstützungsstrukturen rund um die Nachqualifizierung aufgebaut werden“, betonte Severing.

Prof. Dr. Eckart SeveringProf. Dr. Eckart Severing: „Unternehmen können eine Qualifizierung angelernter Beschäftigter nur erfolgreich umsetzen, wenn das Nachqualifizierungsangebot auf den regionalen Bedarf abgestimmt ist.“ 

In der sich anschließenden Podiumsrunde diskutierten politische Entscheidungsträger aus verschiedenen Förderregionen über den Fachkräftenachwuchs als wichtige Ressource regionaler Entwicklung.

Wolfgang Meyer, Manfred Ostermann, Uwe Schulz-Hofen, Wolfgang Steinherr, Ralf-Michael Rath und Hubert Schöffmann(V.l.n.r.) Wolfgang Meyer, Manfred Ostermann, Uwe Schulz-Hofen, Wolfgang Steinherr, Ralf-Michael Rath und Hubert Schöffmann.

 Für die Regionen, in denen Programmvorhaben des regionalen Übergangsmanagements angesiedelt sind, waren Wolfgang Meyer, Oberbürgermeister der Stadt Göttingen und Manfred Ostermann, Landrat des Heidekreises eingeladen. Über die regionalen Aspekte der betrieblichen Nachqualifizierung sprachen Ralf-Michael Rath von der Vereinigung der Unternehmerverbände in Berlin und Brandenburg e. V. und Hubert Schöffmann von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. In Berlin und Leipzig gibt es jeweils Programmvorhaben beider Förderinitiativen, die beiden Standorte wurden vertreten durch Uwe Schulz-Hofen von der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales und Wolfgang Steinherr von der Agentur für Arbeit in Leipzig. Nach den offiziellen Statements auf dem Podium konnten die Gäste im Auditorium die Diskussion mit eigenen Fragen und Anregungen mitgestalten. Daraus entwickelte sich ein lebhafter Austausch im Plenum, bei dem spürbar wurde, mit welchem Engagement dem Fachkräftemangel in unterschiedlichen regionalen Projekten vorgebeugt werden soll und kann, aber auch, wie verschieden die Ausgangslagen in den einzelnen Regionen sind. Neben dem offiziellen Programm wurde auch dem informellen fachlichen Gespräch viel Raum gegeben. Beim anschließenden Abendbuffet konnten die Tagungsgäste ihre gewonnenen Eindrücke vertiefen und in einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch eintreten.

Informelles Zusammenkommen im Atrium des Estrel HotelsInformelles Zusammenkommen im Atrium des Estrel Hotels.

Zu Beginn des zweiten Veranstaltungstages verteilten sich die Tagungsgäste auf drei Fachforen. In Forum 1 wurde das Thema „Am Bedarf ansetzen – regionale Basisdaten zur Steuerung der beruflichen Bildung“ behandelt. Dabei standen zwei große Fragenkomplexe im Vordergrund: Welche Datenquellen liegen überhaupt vor und wie können diese Basisdaten in der Politik angewendet werden. Zu Beginn hielt Dr. Frank Braun vom Deutschen Jugendinstitut einen Überblicksvortrag über die Zeitgeschichte des regionalen Übergangsmanagements bevor er näher auf die verschiedenen Arten der Datenquellen sowie ihre jeweiligen Vor- und Nachteile einging. Danach wurden zwei Datenquellen etwas ausführlicher beleuchtet: Robert Hanslmaier aus dem Referat für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München stellte den Erstausbildungsbericht der Stadt München vor und Regina Linke vom Schulamt der Stadt Köln informierte die Forumsteilnehmer über die Kölner Schulabgängerbefragung.

Regina LinkeRegina Linke: „Die Schulabgängerbefragung ist eine wichtige Situationsbeschreibung für den Kölner Ausbildungsbericht.“

Für Forum 2 stand das Thema „Regionale Vernetzung vorantreiben – Strukturentwicklung in der beruflichen Bildung“ auf dem Programm. Das Impulsreferat mit dem gleichnamigen Titel wurde von PD Dr. Dieter Gnahs vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung gehalten. Im Anschluss sprachen Jörg Freese vom Deutschen Landkreistag und Uwe Lübking vom Deutschen Städte- und Gemeindebund über Netzwerkbildung im Rahmen der neu entstehenden kommunalen Bildungslandschaften. Beide beleuchteten das Thema dabei aus der Sicht ihres kommunalen Spitzenverbandes und stellten die Rolle der Kreise beziehungsweise die Bedeutung der kreisangehörigen Städte und Gemeinden bei ihren jeweiligen Vorträgen in den Mittelpunkt.

Dr. Dieter Gnahs, Jörg Freese und Uwe Lübking sowie Dr. Hans-Peter Albert(V.l.n.r.) Dr. Dieter Gnahs, Jörg Freese und Uwe Lübking sowie Dr. Hans-Peter Albert.

 „Berufliche Nachqualifizierung flexibel gestalten – Förderung bedarfsorientierter Qualifizierungswege“ lautete des Thema in Forum 3. Dr. Beate Kramer von der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk stellte gleich zu Beginn ihres Vortrags das Begleitvorhaben vor, das im Rahmen der Förderinitiative 2 „Abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung“ die Zulassungsmöglichkeiten zur Externenprüfung untersucht, und ging im Anschluss den Fragen nach, wie man An- und Ungelernte überhaupt dazu bringen kann, einen Berufsabschluss nachzuholen und wie die Unternehmen dabei eingebunden werden können.

Christoph Acker, Dr. Beate Kramer, Ursula Krings und Ulrich Eberle(V.l.n.r.) Christoph Acker, Dr. Beate Kramer, Ursula Krings und Ulrich Eberle.

Christoph Acker vom Bundesinstitut für Berufsbildung stellte danach das BMBF-Programm Jobstarter vor und Ulrich Eberle von der Bundesagentur für Arbeit sprach über die Förderung der Nachqualifizierung von An- und Ungelernten durch die Bundesagentur für Arbeit. In allen drei Foren wurde im Anschluss an die Impulsvorträge angeregt debattiert. Dr. Birgit Reißig vom Deutschen Jugendinstitut war Moderatorin der Gesprächsrunde im Forum 1, die Diskussionen in Forum 2 wurde gemeinsam von Dr. Manuela Martinek und Dr. Hans-Peter Albert vom Projektträger im DLR geleitet. Forum 3 wurde moderiert von Ursula Krings vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung.

Für ein Expertengespräch zwischen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kamen anschließend alle Tagungsgäste wieder im Plenum zusammen. Markus Kiss vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag, Dr. Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Manfred Kremer vom Bundesinstitut für Berufsbildung, Wolf-Harald Krüger von der Handwerkskammer Frankfurt/Oder, Hermann Nehls vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Klaus-Wilhelm Ring vom Hessischen Kultusministerium und Prof. Dr. Heike Solga aus dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bezogen auf dem Podium Stellung zum Thema „Arbeitsmärkte und berufliches Lernen im Wandel – Gestaltungsspielräume für eine chancengerechte Berufsbildung nutzen“ und ergriffen die Gelegenheit zu einem angeregten verbalen Schlagabtausch.

Im Anschluss an diese Debatte zog Peter Munk, Leiter des Referates „Jugendliche mit schlechteren Startchancen; Innovationen in der beruflichen Weiterbildung; Arbeitsmarkt“ im BMBF ein Resümee der Jahrestagung. Der Konsens von allen Beteiligten, der sich durch sämtliche Programmpunkte gezogen habe, sei die Feststellung, dass Bildung und Qualifizierung heute die zentralen Themen der Zukunftsgestaltung und Innovationsfähigkeit einer modernen Wirtschaft und Gesellschaft sind. Dass allen jungen Menschen Wege geöffnet werden könnten, um daran teilzuhaben, sei ein wichtiger und immer aktuell bleibender Teil der Gestaltung der beruflichen Bildung.

Peter MunkPeter Munk: „Bildung und Qualifizierung sind heute die zentralen Themen der Zukunftsgestaltung und Innovationsfähigkeit einer modernen Wirtschaft und Gesellschaft.“

Eine übergreifende Herangehensweise sei dabei dringend erforderlich. „Erst dann werden wir zu einem koordinierten planvollen Mitteleinsatz kommen und – was noch wichtiger ist – zu einem transparenten und für die Teilnehmer verlässlichen Förderangebot. Erst dann kann aus der Förderung ein zielführender, auf den individuellen Förderbedarf ausgerichteter Bildungsweg werden,“ so Munk in seiner Abschlussrede.

 


An beiden Programmtagen konnten sich die Tagungsgäste an insgesamt vier Informationsinseln im Foyer über "Perspektive Berufsabschluss" und seine beiden Förderinitiativen sowie über die Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung und weitere BMBF-Programme und Programme der Benachteiligtenförderung informieren.
Ein Tagungsband, der die Ergebnisse der Tagung dokumentiert, ist über das BMBF zu beziehen unter der Telefonnummer 01805 2623-02 (14 Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz), per Fax unter 01805 2623-03 oder per E-Mail: books@bmbf.bund.de.
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